In den Evangelien hat Christus behauptet Gott zu sein (Pater John Laux)

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Der folgende Auszug stammt aus dem Buch „Catholic Apologetics“ (Katholische Apologetik) des amerikanischen Priesters John Laux, das ursprünglich 1928 veröffentlicht und 1990 von TAN Books neu aufgelegt wurde, Seiten 77–82.


Der Ausdruck „Sohn Gottes“ war unter den Hebräern gebräuchlich, um einen Mann von großer Weisheit und Frömmigkeit zu bezeichnen. Christus verwendete ihn jedoch nicht in diesem Sinne, denn dann hätte Er nicht solche Aufregung verursacht. Die Frage, die die Juden aufgeworfen hatten, lautete: Hat Jesus sich selbst zum Sohn Gottes der Natur nach und damit zum wahren Gott gemacht? Aus den Berichten des Evangeliums über seine Worte und Taten geht klar hervor, dass Er dies getan hat.

a) Immer wenn Christus seine Beziehung zum Vater anspricht, sagt er: „Mein Vater”; wenn er jedoch von seinen Jüngern spricht, sagt er ausnahmslos: „Euer Vater”. Er spricht niemals von „unserem Vater”. Das Vaterunser bildet da keine Ausnahme, denn dieses Gebet wurde von ihm ausdrücklich für seine Apostel verfasst, wie wir aus seinen eigenen Worten wissen: „So sollt ihr beten.“ Die Unterscheidung wird sehr deutlich in den Fällen, in denen beide Ausdrücke in einem Satz vorkommen: „ Kommet, ihr Gesegneten meines Vaters! Nehmet das Reich in Besitz, welches euch bereitet ist von Grundlegung der Welt an.“ (Mt 25,34).

b) Als seine selige Mutter im Tempel zu ihm sagte: „Sohn! warum hast du uns das getan? Siehe, dein Vater und ich haben dich mit Schmerzen gesucht!“, antwortete er: „Wusstet ihr nicht, dass ich in dem sein muss, was meines Vaters ist?“ Ein zwölfjähriges Kind kann nur so sprechen, wenn es sich in einem ganz besonderen Sinne als Sohn Gottes fühlt.

c) Jesus hatte seine zweiundsiebzig Jünger ausgesandt, um das Evangelium zu predigen, und ihre Mission war von Erfolg gekrönt. Bei ihrer Rückkehr empfängt er sie mit den freudigen Worten: „Ich preise dich, Vater, Herr des Himmels und der Erde! Dass du dieses vor Weisen und Klugen verborgen, Einfältigen aber offenbaret hast. Ja, Vater! weil es also wohlgefällig gewesen ist vor dir. Alles ist mir von meinem Vater übergeben; und niemand kennt den Sohn außer der Vater; und auch den Vater kennet niemand außer der Sohn, und wem es der Sohn offenbaren will.“ (Mt 11,24-25; Lk 10,21).

Der Sinn dieser Worte ist derselbe wie in Johannes 1,18: „Gott hat niemand je gesehen; der eingeborne Sohn, der im Schoße des Vaters ist, er hat es uns kund getan.“ Die Gleichheit von Vater und Sohn in Bezug auf das Wissen wird klar zum Ausdruck gebracht, und diese Gleichheit impliziert, dass beide von gleicher Natur sind. „Die Substanz des Vaters“, sagt der heilige Thomas in seinem Kommentar zu dieser Stelle, „übersteigt das Verständnis eines geschaffenen Verstandes; ebenso verhält es sich mit der Substanz des Sohnes, die nur dem Vater bekannt ist.“

d) Am Vorabend seines Leidens bekannte Christus vor den Pharisäern im Gleichnis vom Weinberg (Markus 12,1-12) offen seine göttliche Sohnschaft. Die Bedeutung des Gleichnisses ist klar. Die Knechte, die der Herr des Weinbergs gesandt hat, sind die Propheten. Sein „ Sohn, den er überaus liebte“ war mehr als ein Prophet, mehr als der Gesalbte Gottes. Die einleitenden Worte des Hebräerbriefes sind der beste Kommentar zu diesem Gleichnis: „Nachdem Gott vor Zeiten vielfach und auf vielerlei Weise durch die Propheten zu den Vätern geredet, hat er zuletzt in diesen Tagen zu uns geredet durch den Sohn, welchen er zum Erben über alles gesetzt, durch den er auch die Welt gemacht hat; welcher, da er der Abglanz seiner Herrlichkeit und das Ebenbild seines Wesens ist, und durch das Wort seiner Macht alles trägt, sich, nachdem er uns von Sünden gereinigt, gesetzt hat zur Rechten der Majestät in der Höhe […]“.

e) Als Jesus vor dem Sanhedrin angeklagt wurde, sprach der Hohepriester zu ihm: „Ich beschwöre dich bei Gott, dem Lebendigen, dass du uns sagest, ob du Christus, der Sohn Gottes, bist! Jesus sprach zu ihm: Du hast es gesagt! Ich sage euch aber: Von nun an werdet ihr den Menschensohn sehen, sitzend zur Rechten der Kraft Gottes, und kommend auf den Wolken des Himmels.“ (Mt 26,63-65).

Der Sanhedrin, der urteilte, dass Jesus von Nazareth den Namen Gottes entweiht hatte, indem er ihn sich selbst anmaßte, wandte auf ihn das Gesetz gegen Gotteslästerung an und verkündete das Todesurteil. Jesus starb lieber, als auf sein Recht auf den Titel „Sohn Gottes” zu verzichten. Er starb, weil er ihn für sich beanspruchte. In diesem Punkt gibt es keine Unklarheit, denn selbst die fortschrittlichsten Rationalisten geben dies zu.

f) Vor seiner Himmelfahrt sagte Christus zu seinen Aposteln: „Mir ist alle Gewalt gegeben im Himmel und auf Erden. Gehet also hin, und lehret alle Völker, und taufet sie im Namen des Vaters, und des Sohnes, und des heiligen Geistes; und lehret sie alles halten, was ich euch geboten habe; und siehe, ich bin bei euch alle Tage bis an das Ende der Welt.“ (Mt 28,18-20).

Aus diesem Text geht klar hervor, dass der Sohn dem Vater und dem Heiligen Geist gleich ist, dass er allmächtig ist und dass er verspricht, bis zum Ende der Welt bei seinen Jüngern zu sein, was nur von Gott gesagt werden kann.

Abschließend können wir mit Pater Knox fragen: „Wenn Jesus nicht behauptete, Gott zu sein, was behauptete Er dann zu sein? Wenn Er sich bewusst gewesen wäre, einer geringeren Existenzordnung als der göttlichen anzugehören, wie hätte Er dann auf die Herausforderung des Hohepriesters reagieren können, ohne sich mit einem Wort zu erklären oder zu verteidigen?“

Einige Schwierigkeiten gelöst

1. Rationalisten und Modernisten behaupten, dass das Bewusstsein unseres Herrn über Seine Messianität und Seine göttliche Sohnschaft eine Vorstellung war, die Ihm allmählich bewusst wurde und sich mit zunehmendem Alter verstärkte. –

„Das ist reine Spekulation“, sagt Pater Ronald Knox, „die über die Beweise hinausgeht. Der Beweis ist nicht, dass Ihm dieses Bewusstsein allmählich bewusst wurde, sondern dass Er es zuließ, dass es dem Rest der Welt allmählich bewusst wurde. Die Tatsache, dass Er den Teufeln zu Beginn Seines Wirkens verbot, Ihn Christus zu nennen, später jedoch Petrus ermutigte, Ihn Christus zu nennen, definiert nicht die Grenze dessen, was Er wusste, sondern was Er bekannt machen wollte. Und es kann kaum Zweifel in einem aufrichtigen Geist geben, der die vier Berichte [Evangelien] lediglich als Berichte liest, dass Seine Selbstoffenbarung eine allmähliche Offenbarung war. Es war natürlich, wenn nicht sogar notwendig, dass dies so sein sollte. Es ist klar, dass die Juden keinen Messias erwarteten, der als Mensch unter Menschen zu ihnen kommen sollte; sie erwarteten einen Erlöser aus den Wolken. Ihre Vorstellungen mussten daher allmählich umgestaltet werden. Ihr Geist musste sich allmählich an den Gedanken gewöhnen, dass dies etwas mehr als ein Mensch war” (The Belief of Catholics, New York: Harper and Brothers, S. 104).

[…]

5. „Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen?” –

Diese Worte Christi am Kreuz stellen für viele eine Schwierigkeit dar, aber sie sind keineswegs, wie die Rationalisten uns glauben machen wollen, ein Schrei der Verzweiflung. Sie stammen aus dem 21. Psalm, der zugegebenermaßen messianisch ist. Vielleicht ging unser Herr in Gedanken den ganzen Psalm durch, der so wahrhaftig die äußerste Verzweiflung seines menschlichen Leidens voraussagte. Wir müssen uns daran erinnern, dass Christus die Fülle des Leidens für uns getragen hat, und da Trostlosigkeit oder Verlassenheit – von den Mystikern als „dunkle Nacht der Seele“ bezeichnet – die akuteste Form des Leidens ist, war es nur natürlich, dass Er auch das erdulden musste; dass sozusagen eine Barriere zwischen Ihm und dem liebevollen Antlitz Seines Vaters errichtet worden war.

6. Über das Ende der Welt sagt Christus: „Über jenen Tag aber, oder die Stunde hat niemand Kenntnis, weder die Engel im Himmel, noch der Sohn, sondern nur der Vater.“ (Markus 13,32). Stellt sich Christus mit diesen Worten nicht in Bezug auf Sein Wissen unter Gott?

Als Sohn Gottes wusste unser Herr „diesen Tag und diese Stunde“, aber als Menschensohn, als Messias, war es nicht Seine Aufgabe, dies den Menschen zu offenbaren. Als die Apostel Ihn vor Seiner Himmelfahrt fragten: „Herr! wirst du wohl in dieser Zeit das Reich Israel wieder herstellen?“, antwortete Er: „Es stehet euch nicht zu, Zeit oder Stunde zu wissen, welche der Vater in seiner Macht festgesetzt hat“ (Apostelgeschichte 1,7). Als Mensch sagte unser Herr auch: „Der Vater ist größer als ich.“

7. Bei der Behandlung des Anspruchs unseres Herrn, der Messias und der wahre Sohn Gottes zu sein, haben wir uns auf die synoptischen Evangelien beschränkt, da viele moderne Kritiker außerhalb der katholischen Kirche das vierte Evangelium eher als „ein Werk philosophischer Reflexion“ denn als eine Aufzeichnung von Ereignissen betrachten. Aber jedem aufrichtigen Leser muss klar sein, dass sich die im Johannesevangelium aufgezeichneten Behauptungen Jesu nicht wesentlich von denen unterscheiden, die er in den synoptischen Evangelien aufgestellt hat.

Sea of Galilee by Larry Koester under CC-BY 2.0, https://www.flickr.com/photos/larrywkoester/37215598641/

Panoramasicht des See Genezareth.